Pferd hat Angst – 5 Tipps

Karen hat sich ihren größten Wunsch erfüllt: ein eigenes Pferd! Die Liebe zu Pferden war schon immer da und endlich lernte sie ihr Traumpferd kennen. Amador ist ein 8-jähriger Tinker Wallach. Da diese Rasse für ihre Coolness bekannt ist und er beim Händler auch diesen Charakter zeigte, verliebte sie sich sofort… Denn sie wollte ein Pferd ohne Angst. Doch im neuen Stall und im Zusammensein veränderte sich dies bald. Anfänglich sattelte Karen ihren Buben und wollte mit ihm Ausreiten gehen. Denn das war das Ziel: entspannt die Freizeit mit ihrem Pferd zu verbringen. Da sie die Natur liebt, ist es ihr Wunsch, viel mit Amador im Gelände auszureiten oder auch einfach mal spazieren zu gehen.

Was veränderte sich?

Zuerst begann Amador nach ca. 20 min. zu Stocken und wollte einfach nicht mehr weiter gehen. Karen wusste gar nicht warum. Sie selbst sah nichts was ihn beunruhigen könnte! Trotz ruhigem Reden bewegte er sich nicht und starrte mit erhobenem Kopf nach vorne. Darauf hin musste sie das erste Mal, seit sie ihn besaß, Druck anwenden, um ihn wieder zum Gehen zu bekommen. Jetzt ging er zwar weiter, sie bemerkte aber den ganzen Ausritt über, dass etwas nicht stimmt. “Vielleicht war es Zufall und Amador hat heute einen schlechten Tag” dachte sie dabei. Doch sollte sich dies nicht bestätigen. Die weiteren Ausritte begannen sich immer mehr zum Horror zu entwickeln. Früher und öfter misstraute ihr Pferd. Wollte dann nach ein paar Wochen überhaupt nicht mehr vom Stall weg. Der Tinker hatte aus unerklärlichen Gründen Angst. Er hasste die Hecke auf dem Weg, zögerte ständig, um dann in einem impulsiven Satz zur Seite zu springen. Schließlich traute sich Karen nicht mehr Amador zu Reiten und versuchte es am Boden. Doch leider ohne Erfolg – am Schluss riss er sich sogar los und rannte zurück. Ihr Pferd hat Angst – das war mittlerweile glasklar.

Das Pferd hat Angst – 5 Tipps

Das wichtigste, was wir über Pferde wissen müssen ist: dass sie Fluchttiere sind! Dies ist vielen Pferdefreunden bekannt. Doch was das wirklich bedeutet, weiß kaum jemand. Nehmen wir im Gegensatz dazu Hunde, die ja Raubtiere sind und Jagen als Lebensgrundlage haben. Pferde hingegen ernähren sich pflanzlich und finden am Boden ihre Nahrung. Dabei sind sie ständig auf der Hut und beobachten ihre Umwelt mit all ihren Sinnen. Jedes Beutetier in der freien Wildbahn weiß, dass es irgendwann einmal von einem Raubtier gefangen wird. Deshalb wird es alles tun, um dies möglichst lange zu verhindern. Zu welcher Sorte gehören wir Menschen? Ähneln wir uns mehr dem Raubtier Hund oder dem Fluchttier Pferd? Ganz klar: wir sind genetisch darauf programmiert “Beute zu machen”, wir sind Jäger und Sammler. Aus diesem Grund ist es für uns einfach, Hunde zu verstehen. Wir denken grundsätzlich gleich und darum schließen sich diese fast automatisch dem Menschen an. Pferde hingegen sehen uns erst einmal instinktiv als Raubtiere, da wir unterbewusst Dinge tun, die nur Jäger tun. Erst durch Gewöhnung und den richtigen Umgang mit ihnen lernen sie, dass die sich entsprechend richtig verhaltende Person freundschaftlich gesinnt ist.

Tipp 1 – lerne wie ein Pferd zu Denken

Deshalb ist es das aller Erste, was wir uns anzueignen haben: Denke wie ein Pferd! Betrachte Die Welt aus der Sicht eines Fluchttieres, welches ständig um sein Leben bangt. Begreife die Sinne der Pferde:

  • Der Sehsinn hat ein viel größeres Sehfeld wie bei uns. Die Augen sind seitlich angebracht. Dies ermöglicht eine fast Rundumsicht. Lediglich direkt vor der Stirn und hinten am Schweif sehen die Pferde nichts. Forme Deine beiden Fäuste übereinander und halte sie dir direkt zwischen die Augen. Jetzt sind die Sehfelder deiner Augen getrennt. So ungefähr sehen Pferde nach vorne. Sie haben nicht diesen fixierenden “Jägerblick” wie wir, sondern eben einen unschärferen, aber jede Bewegung aufnehmenden Gesamtblick. So sehen sie tatsächlich mehr wie wir…
  • Der Hörsinn und Geruchsinn sind auch weitaus stärker ausgeprägt wie bei uns. Sei bemerken so Dinge, die uns erst viel später oder auch gar nicht bewusst sind. Alles könnte eine lebensbedrohliche Gefahr sein.
  • Bedenke, dass Berührungen für ein Pferd erst einmal keine positive Bedeutung haben. Wir möchten das Pferd bürsten und mit ihm “Schmusen”. Doch in der freien Natur kommen Berührungen meistens von Raubtieren, die sie festhalten wollen.

Tipp 2 – verstehe, wie das Pferd Angst subtil anzeigt

Pferde sprechen ständig… Nein, nicht mit menschlicher Sprache – das ist klar. Sie reden mit ihrem Körper. Doch was drücken sie genau aus? Das lernen wir meistens nirgends – und wenn – dann nur ganz grob und am Rande. Ebenfalls wird auch sehr viel falsches Wissen darüber verbreitet über das, was Pferde uns mitteilen und ihre “Aussagen” werden auch oft vermenschlicht. Daraus ergeben sich oft fatale Annahmen, die zu Stress bei Pferden führen und so zu dem Verhalten, das wir uns nicht wünschen. Dabei ist dieses Wissen um die Körpersprache so immens wichtig und nur so finden wir zum Herzen unserer Pferde. Das Pferd hat Angst. Woran erkennen wir das? Manchmal ist es ganz klar, aber immer schon sind die Zeichen vorher subtil erkennbar, wenn man sich mit der Körpersprache dieser Tiere beschäftigt hat. In unserem kostenlosen Pferdesprache Guide kannst du dir einen ersten Überblick verschaffen.

Tipp 3 – werde die Führungsperson für Dein Pferd

Denn in einer echten Pferdeherde folgen die Mitglieder bedenkenlos ihrem Leitpferd. Dieses hat sich durch:

  • seine Souveränität,
  • mit einem starken Fokus,
  • durch Stärke und Schnelligkeit,
  • hoher Intelligenz,
  • absolute Konsequenz und Ausdauer hierbei

zur Leitfigur entwickelt. Dies ist davon unabhängig welche Rasse es ist oder ob es eher ein ängstliches oder neugieriges Pferd ist. Das Leitpferd “hat etwas”. Genau dieses “Etwas” müssen wir unbedingt als Partner mit unserem Pferd selbst entwickeln. Dein Pferd hat Angst – umso mehr braucht es Dich als “Beschützer”, indem es Sicherheit findet und somit dir sein Leben anvertrauen kann. Damit ist aber nicht gemeint, dass es sich hinter dir “versteckt”. Hast du die Leitposition erreicht, ist mit deinem tierischen Freund fast alles möglich…

Tipp 4 – baue Vertrauen zu Gegenständen und Berührung auf

Sehe es nicht als selbstverständlich, dass Berührungen für das Pferd schön sind. Gerade unsichere Individuen müssen sorgsam darauf vorbereitet werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tier mit den Händen oder üblichen Gegenständen, wie Bürsten, Hufraspeln, Sätteln, Spritzen oder Sprühnebel berührt werden. Ebenso darf es keine Angst vor Peitschen, Gerten, Tüten, Planen, Regenschirmen und anderen Dingen haben. Vertrauen zu dir und seiner Umgebung – das gilt es als nächstes – nach deiner Führungsqualität – aufzubauen. Erst danach bringe ihm bei, an feststehende Objekte, wie Traktoren, Absperrungen, Hecken, Baumaschinen und sonstigen Dingen in seiner Umgebung hingehen zu können.

Tipp 5 – lasse dem Pferd und dir Zeit

Leider wird all diesen elementaren Dingen viel zu wenig Beachtung eingeräumt. Oft muss es schnell gehen:

  • die Zeit ist knapp,
  • du wolltest doch reiten,
  • im Stall beschäftigt sich kaum jemand mit “solchen Dingen”,
  • man steht unter Druck “es jetzt doch endlich hinzubekommen”,
  • und eigentlich weiß niemand so recht, was zu tun ist, wenn das Pferd Angst hat.

Überfordere das Pferd nicht. Baue Stück für Stück Vertrauen auf. Wiederhole die Dinge. Gehe “2 Schritte vor – und wieder 1 zurück!” Das ist die richtige Strategie, um bei unserem Partner Sicherheit aufzubauen. Bemerke deine Erfolge und gehe dann ein bisschen weiter. Kehre dann immer wieder zum vorherigen guten Ergebnis zurück. So braucht es seine Zeit, doch mit der richtigen Strategie wirst du bald Fortschritte sehen.

Wissen bringt Sicherheit

Karen hat all diese 5 Punkte gelernt. Zuerst war es eine Umstellung für sie, sich so in ihren Amador hineinzudenken. Dabei hat sich ihre Beziehung zu ihm sehr schnell merklich verbessert. Das haben auch ihre Stall-Kolleginnen beobachtet. So hat sie immer mehr Spaß daran gefunden, sich mit dem Wesen der Pferde weiter zu beschäftigen. Heute erkennt sie sofort, wenn ihr Wallach sich unwohl fühlt und weiß ganz genau, was sie zu tun hat. So sind ihre Ausritte und Spaziergänge jetzt meist völlig entspannt. Wenn Amador doch mal unruhig wird, weiß sie mit dem “Roten Faden”, den 7 Schlüsseln der Pferdekommunikation, immer was sie zu tun hat und ihr Tinker ist nach wenigen Minuten wieder “bei ihr” und dankbar für ihre Souveränität.

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