Die Lösung für das Reiten ist am Boden

Der Gute Wille alleine reicht nicht aus! Beim letzten Mal lernten wir Susanne mit Ihrem Wallach Bodo kennen. Die engagierte Reiterin hat schon seit Jahrzehnten mit Pferden zu tun. Doch mit Bodo kam sie an das „Ende ihres Lateins“. Ihr lackschwarzes Warmblut stellte sie vor neue Herausforderungen. Gut ausgebildet gekauft entwickelte er sich mehr und mehr zum „Reitverweigerer“. Er erschrak zuerst im Gelände immer öfter und dann in der Halle: bald ging gar nichts mehr. Es kam sogar soweit, dass Susanne, die exzellente Reiterin, sogar richtig Angst bekam… und eines vorweg: keine neue Reittechnik ist jetzt angebracht… Denn – die Lösung für das Reiten ist am Boden!

Wo fängt die Beziehung mit dem Pferd an?

Dies ist eine Frage, die stelle ich immer am ersten Tag meines 5-Tage-Workshops. In diesem geht es darum: „Wie bekomme ich eine große Verbundenheit mit Pferden?“ Es gibt dann mehrere Auswahl-Antworten zur Frage: „Ab welchem Moment beginnt die Beziehung? Fast alle nehmen die Antwort: „vom ersten Moment an, wo mein Pferd mich sieht, hört oder riecht!“ Es gibt auch die Antwort: „wenn ich reite.“ Doch niemand nimmt diese. Warum? Weil wir es ja eigentlich wissen: alles vor und nach dem Reiten gehört zur Beziehung dazu. In der Praxis sieht es dann ganz anders aus: viele legen sehr viel Wert auf gutes Reiten. Und das ist auch sehr wichtig! Wollen ihr Pferd trainieren, Muskelaufbau, Gymnastizieren… Und am Boden? Ja, vielleicht Longieren…  Das war’s dann auch schon meistens. Dabei ist das, was wir vom ersten Augenblick an, wo uns unser Pferd wahrnimmt, machen, sehr wichtig für das Gelingen des heutigen Zusammentreffens.

Zurück zu Susanne und Bodo…

Die Lösung für das Reiten ist am Boden. Und so begann ich unser erstes Treffen, indem ich Susanne den Strick am Halfter ihres Wallaches in der Reithalle erst einmal abnehmen ließ. Jetzt war Bodo frei und konnte machen was er wollte. Das war sehr ungewöhnlich für seine Besitzerin. Dadurch, dass sie es gewohnt war immer etwas von ihrem Warmblut zu verlangen und ihn beim Freilaufen sonst immer antrieb. Ich sagte ihr, sie solle ihn einfach in Ruhe lassen. Dies zuerst zu machen, zeigt uns ganz deutlich was er will! Was ist im Moment sein Bedürfnis – will er gehen, laufen oder lieber stehen? Und wenn er geht – wohin? Die Pferde sprechen immer zu uns mit ihrer Körpersprache. Sie drücken damit ganz genau aus, wie es ihnen gerade geht. Wenngleich sie so auch Signale zeigen, die uns vielleicht nicht gefallen…

Zuhören, was das Pferd uns mitteilen möchte

Wir entfernten uns etwas von Bodo und ich erzählte Susanne, um was es bei gutem Natural Horsemanship geht. Wir taten so, als ob er uns nicht interessiert und nebenbei beobachteten wir ihn. Er stand da, wie zur Salzsäule erstarrt. Der Kopf war hoch, der Blick starr und der Körper regte sich nicht. Ein Hinterbein war angewinkelt. Ich fragte Susanne, wie sie das denn deutet. Sie meinte, dass ihr Pferd entspannt, das sieht man ja am auf der Spitze stehenden Huf. Zudem fügte sie hinzu, dass ihr Wallach sowieso eher stur und faul sei und wenn man ihn nicht antreibt, er nicht laufen wolle. Ja… es war genauso, wie ich es schon sehr oft in meinen Jahrzehnten als Verhaltens-Expertin erlebt hatte: eine totale Miss-Interpretation der Körpersprache und des Verhaltens… 

Was uns Bodo wirklich sagte…

Ein angewinkeltes Bein heißt nicht immer, dass ein Pferd entspannt! Im Fall Bodo war es so: der Blick war leer und in sich gekehrt. Die Muskeln angespannt und das angewinkelte Hinterbein bereitete den Wallach auf einen möglichen plötzlichen Start vor. Weil – er fraß seine Angst förmlich in sich hinein. Infolge der minutenlangen Starrheit stauten sich seine Emotionen im Inneren an und plötzlich machte er einen Satz zur Seite, um dann wieder regungslos dazustehen. So wiederholte sich dies einige Male. Susanne berichtete auch, dass Bodo beim Reiten erst nicht vorwärts gehen wolle und dann auch zur Seite springe. „Genauso ist es!“, sagte ich zu ihr. Es gibt eben Pferde, die lieber da stehen bleiben wollen, wo sie sind. Weil sie denken, da sind sie sicher – und da vorne wissen sie nicht, was auf sie zukommt! Treibt man sie weiter, stauen sie ihre Bedenken in ihrem Inneren. Schließlich lassen sie ihre Furcht durch kleine Zuckungen, Wegspringen oder gar in Explosionen aus ihrem Körper heraus! Dies kann sehr gefährlich werden. Da wir nicht wissen, wann sich wieder so viel Angst angesammelt hat, dass das Fluchttier diese explosionsartig nach außen abgibt!

Dies macht solche Pferde sehr unberechenbar!

Inzwischen war einige Zeit vergangen und Bodo begann sich wirklich zu entspannen. Das erste Mal kaute er und zeigte damit an, dass er versteht. Jetzt erst näherte ich mich ihm. Ganz langsam mit gesenktem Blick und in einem Bogen. Jedes Mal, wenn er zu mir schaute, hielt ich inne. Als er seine Augen wieder nach vorne richtete ging ich weiter auf ihn zu. Er ließ mich bis auf drei Meter in seine Nähe kommen. Obwohl ich sehr passiv war, vertraute er mir nicht und ich durfte nicht näher kommen. Schließlich kannte der Wallach mich nicht. So begann das Pferd im Schritt los zu gehen. Anstatt stehen zu bleiben begleitete ich Bodo und ging auf mehreren Metern Abstand neben ihm, wie ein Schatten. Vielmehr wollte ich nichts von ihm – er durfte machen, was er wollte. Doch so kannte das Warmblut das nicht und er meinte, dass er antraben soll – und das tat er dann auch. Natürlich konnte ich da nicht mehr mithalten. So entfernte er sich viele Meter von mir. Allerdings blieb ich dran: dann begleitete ich ihn eben mit einem größeren Abstand. Ohne Druck und ohne jegliches Treiben…

Was geschah dann – hatte Bodo Angst in der Gruselecke?

Anfänglich war Bodo noch etwas hektisch unterwegs. Doch mein passives Begleiten bewirkte, dass er sich schnell beruhigte und den Kopf beim Traben etwas tiefer nahm. Nun geschah ein „Wunder“: der lackschwarze Wallach lief entspannt Runde um Runde um mich herum – ohne Seil. Kein Erschrecken in der Gruselecke – kein panisches Rennen zum Ausgang! Sondern – im Gegenteil! Es kam ein tiefes Abschnauben, nachdem er an der Bande entlang ging, an der er in letzter Zeit gar nicht mehr vorbei wollte! Er hörte gar nicht mehr damit auf. Minutenlang immer wieder schnaubte er lauter und tiefer ab und entspannte sich zusehens!

Wie konnte das SO geschehen?

Durch das Beobachten von Bodo am Anfang und sich die Zeit zu nehmen, das auch zu tun! – Den eigenen „Aktionismus“ mal sein zu lassen und die Bedürfnisse des Pferde auch erkennen zu wollen – Zu Wissen, was das Pferd uns mit seinem Verhalten mitteilt. Und schließlich die richtige Strategie wählen, welche das Pferd am heutigen Tag braucht: und – diese ist nicht immer gleich! Das zu Erlernen bringt uns zu der Verbundenheit mit unserem Pferd, die wir uns wünschen! Denn – Die Lösung für das Reiten ist am Boden. Dort beginnt die Beziehung – vom ersten Augenblick an, wo uns unser Pferd sieht, hört und auch riecht!

Wie ging es dann weiter?

Vom weiteren Verlauf und dem erstaunlichen Ende der ersten Stunde schreibe ich im nächsten Artikel. Möchtest Du auch erfahren, wie ich es erkannt habe, WAS Bodo als erstes und am dringendsten von Susanne und mir brauchte?

Im Seminar: „Wie tickt mein Pferd?“ beschreibe ich, welchen Ansatz verschiedene Pferde-Typen brauchen, um auch eine tolle Übungs-Stunde zu bekommen.

 

 

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2 comments on “Die Lösung für das Reiten ist am Boden

  1. Habe auch große Probleme mit meinem Pferd?, Liebe Grüße

    • Das erste was wichtig ist, ist Dein Pferd RICHTIG zu verstehen! Was will es Dir sagen? Welche Bedürfnisse nach Sicherheit und Vertrauen, sprich Führung hat es gerade? Erst wenn Du das weißt, dann kann die Beziehung und Verbundenheit großartig werden. Vielleicht möchtest Du Dir mal unseren Online-Kurs ansehen? Da lernst Du all das.

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